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Über die Erlaubnis, seinen Bruder nicht geliebt zu haben
"Nicht lieben heißt nicht herzlos sein"
Getriggert durch einen Facebook-Post, in dem es darum ging, warum Trauer so weh tut, bin ich innerlich abrupt stehen geblieben. Einer der Punkte beschrieb, dass starke emotionale Belastungen das Herz auch körperlich beeinträchtigen können – das sogenannte Broken-Heart-Syndrom.
Dieser Satz hat mich unerwartet getroffen. Nicht nur theoretisch, sondern ganz konkret. Mein Bruder ist meiner Meinung nach daran zerbrochen.
Als unsere Mutter plötzlich starb, brach für ihn nicht nur eine Welt zusammen. Er war schwerbehindert und stark auf sie fixiert. Sie war sein emotionaler Mittelpunkt, sein Halt, sein Bezug. Als dieser Halt wegfiel, zog er sich zurück, kappte Kontakte, entließ seine Haushaltshilfe. Er machte zu.
Ich habe später erfahren, dass er im Sommer eine Woche im Krankenhaus war. Ich wusste nichts davon. Erst nach seinem Tod hielt ich die Rechnung in den Händen, die ich bezahlen musste. Und diese Tatsache traf mich sehr. Er hatte mir nicht Bescheid gegeben...
Nachdem ich ihm zuvor klar gemacht hatte, dass ich den „Service Mama“ nicht ersetzen werde und nicht ersetzen kann, hatte er den Kontakt zu mir vollständig abgebrochen. Diese Grenze war notwendig – und sie war schwer. Und sie war mit Schuldgefühlen verbunden. Hatte ich ihn doch hängenlassen? War ich zu egoistisch?
Im Oktober brach er dann plötzlich zusammen und starb. Natürlich macht das etwas mit mir. Auch noch zwei Jahre später. Nicht nur, weil ich meinen Bruder verloren habe – sondern weil ich miterlebt habe, wie jemand nach einem Verlust innerlich zerbricht.
Und weil sich seitdem immer wieder eine Frage in mir meldet: Wenn so etwas möglich ist – was hält mich eigentlich?
Gleichzeitig ist meine Trauer kompliziert. Denn unser Verhältnis war nie einfach. Im Gegenteil. Ich habe ihn nie wirklich geliebt. Das auszusprechen war für mich lange kaum möglich. Denn man liebt doch seinen Bruder. Oder? So habe ich es gelernt. So wurde es erwartet. Meine Mutter wünschte sich diese Liebe. Vielleicht erwartete sie sie sogar. Sie sah meinen Neid, meine Ablehnung, meine Härte –aber sie sah nicht meine Überforderung. Nicht meine Angst. Nicht den inneren Druck, der auf mir lag.
Ich habe lange geglaubt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dass ich unfähig bin. Herzlos. Defizitär. Dabei war die Wahrheit eine andere: Ich konnte ihn nicht lieben. Nicht, weil ich es nicht wollte. Sondern weil unsere Beziehung von Anfang an von Enge, Überforderung und unausgesprochenen Erwartungen geprägt war. Ich fühlte mich zuständig, verpflichtet, bedrängt - ohne je gefragt worden zu sein.
Liebe braucht Freiwilligkeit. Und Raum. Beides gab es hier nicht. Und einen Menschen, vor dem man Angst hat, kann man schwerlich lieben.
Was ich oft fühlte, war Wut. Manchmal sogar Hass. Und dafür habe ich mich selbst verurteilt – ein Leben lang. Denn Hass auf einen Bruder darf nicht sein. So dachte ich.
Heute beginne ich zu verstehen: Diese Gefühle waren kein moralisches Versagen. Sie waren ein Schutz. Ich respektiere ihn. Ich sehe sein Leid. Ich empfinde heute auch Mitgefühl für seine Situation. Ich erkenne an, wie schwer sein Leben war. Aber Liebe konnte ich ihm nicht geben. Nicht damals. Nicht später. Und auch heute nicht.
Und dann kam diese Erkenntnis, die für mich alles verändert: Ich liebe ja viele andere Menschen auch nicht – und das macht mich nicht herzlos. Ich respektiere sie trotzdem. Warum sollte das bei meinem Bruder anders sein?
Mir diese Wahrheit zu erlauben – ohne mich dafür zu verurteilen – fühlt sich an, als würde sich etwas Grundlegendes lösen. Es befreit.
Vielleicht besteht meine Trauer nicht nur aus dem Verlust meines Bruders. Sondern auch aus der Trauer darüber, dass von mir eine Liebe erwartet wurde, die ich nie geben konnte.
Diese Erlaubnis macht nicht alles leicht. Aber sie macht mich ehrlicher. Und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, nicht mehr falsch sein zu müssen, um mir selbst treu zu sein...