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Mein Brief an dich
Hallo ...,
Ich habe dich zwar nie persönliche kenne gelernt und werde auch nicht mehr die Möglichkeit dazu bekommen, aber du bist der Einzige der mich gerade wirklich versteht.
Dein Todestag jährt sich bald zum ersten mal.
Ich weiß noch, dass du so sauer auf mich warst, weil ich abgesagt habe unseren gemeinsamen Suizid. Mein Gewissen hatte mich gepackt. Du wärst ohne Führerschein mit dem Auto deines Vaters zu mir gefahren. Wir hätten noch etwas vorbereiten müssen, mein Bad abdichten...
Unser Gedankenaustausch war rege, aber der eine hat den anderen verstanden. Es gab nie einen anderen mit dem ich mich so über meine immer wiederkehrenden Gedanken unterhalten konnte. Du hast aber auch trotz deiner Suizid-Gedanken, die positiven und schöne Dinge in deinem Leben sehen und spüren können. Das verstehen die wenigsten. Weil wenn man doch die schönen Dinge sieht und wahrnehmen kann, warum sollte man dann trotzdem sterben wollen?
Du weißt es! Ich weiß es, weil wir uns nicht als vollwertiges Teil/ Mitglied der Gesellschaft fühlen.
Es gibt so eine Art vorbestimmten Ablauf, der auf jeden Fall das Arbeiten beinhaltet. Und jeder der nicht arbeitet wird blöd angeguckt. Der Grund warum spielt keine Rolle.
... ich habe es mittlerweile geschafft, ich habe einen Job. Angestellt in einem Betrieb die scheinbar nahezu jeden nehmen. Einfach habe ich es dort nicht, weil ich ständig meiner eigenen Unfähigkeit gegenüber gestellt bin. Und mit Unfähig meine ich nicht nur den Aspekt der Arbeit ansich sondern auch der der Zwischenmenschen Aspekte. Du weißt ja was ich meine, quasi eine Art Wachkoma du kannst dich nicht mitteilen bekommst aber alles mit.
Angst ist ein Thema das uns ständig begleitet. Sie zu betäuben zählt zu ständigen Aufgabe, die uns so oft auch unfähig macht wichtige Aufgaben zu erledigen.
Lieber ..., ich wünschte mir so sehr, dass du diese Zeilen noch lesen kannst, dass dein Suizid, den du im Februar letzten Jahres unternommenen hast nur ein Versuch war.
Zugegeben hat sich eine große Angst, als nicht real erwiesen, weil ich habe ja einen Job, aber das Gefühl fehl am Platz zu sein, hier nicht hinzu gehören ist nach wie vor da!
... es gibt kaum jemanden mit dem ich so über mein "ich fühle mich in meinem Leben vollkommen fehl am Platz" reden kann so wie mit dir. Eigentlich niemanden.
Und ich würde jetzt so gerne reden über meine Suizid-Gedanken.
Leider geht es dabei nicht nur um mich, ich weiß und das tut mir leid, ich habe dich bestätigt in deiner Entscheidung. Du sagstest zwar, dass du es so oder so vor hastest. Aber hätte ich vielleicht doch etwas für dich tunen können?
In Gedanken an dich
Deine Michaela